Kraftklub ist zurück! Und zwar wie: „Keine Nacht Für Niemand“ klingt anders als die vergangenen zwei Alben – man merkt dass sich die Karl-Marx-Städter mehr Zeit gelassen haben, was im Grundsatz dazu führt dass die Songs keine „homogene Masse“ mehr sind sondern sich ungewohnt diversifiziert, jedoch gewohnt wortgewandt geben.

Keine Nach für Niemand„Keine Nacht Für Niemand“ – mhm, da klingelt doch was! Der Titel des Albums ist eine Hommage an das Album „Keine Macht Für Niemand“ von Ton Steine Scherben, erschienen 1972! Allgemein sind in dem Album viele Zitate und Anspielungen auf Kraftklubs Vorbilder und Inspirationen.

Das Album startet ungewohnt breitbeinig und arrogant „Fanpost lesen wir eh nicht / wir hören viel lieber Gebete / Wir geben keine Konzerte / Wir feiern heilige Messen“. Gut, jeder der schon einmal von Kraftklub gehört hat weiß, dass das nicht ganz ernstgemeint ist. Der Song „Band mit dem K“ geht ansonsten in gewohnter Kraftklub-Manier richtig vorwärts!

Das nächste Lied ist gewohnt ironisch und textwitzig mit einem richtig catchy Riff am Anfang. In „Leben Ruinieren“ geht es um einen vermeintlichen Draufgänger, von dem die Freunde der Auserwählten und er selbst denken, er sei nicht gut genug für sie.

„Chemie Chemie Ya“ ist mein persönliches Highlight auf der Platte. Einzig störend ist die Aussprache von Chemie (Schemie) – aber das ist wohl ein bundeslandspezifisches Problem 😉 Spaß bei Seite, Chemie Chemie Ya spricht eine ganze Generation mit verko(r)kster Jugend an, es geht um lockeren Umgang mit Drogen und durchfeierte Nächte. Kraftklub hat mit viel (Wort-)Witz in den Strophen und einem super einprägsamen Refrain mal wieder neue Maßstäbe gesetzt!

„Keine Nacht für Niemand“ wird mit dem sehr groovigem Liebeslied „Am Ende“ fortgesetzt, Synthesizer-lastiges Riff mit zurückgelehntem Beat. „Am Ende denk ich immer nur an dich“ beschreibt als Schlüsselphrase ganz gut die im Lied beschriebene Situation, kennt wohl jeder der schon einmal verlassen wurde!

„Fenster“ wurde bereits im Vorhinein als Singe ausgekoppelt und ist sehr politisch gehalten, inklusive „links-grün-versiffter“ Einstellung und ist gegen Montagsspaziergänger und AfD-Idioten gerichtet. Die charmante Aufforderung „Spring aus dem Fenster für mich“ bringt die allgemeine Stimmung ganz gut auf den Punkt. Dass am Ende plötzlich Farin Urlaub erscheint und den letzten Refrain singt ist sehr gelungen und passt auch stimmlich perfekt in den Song.

„Fan Von Dir“ behandelt mal wieder von der verlorenen ersten Liebe und Selbstzweifeln. „Ich wär auch gern ein Gewinner / statt ständig zu verlieren / doch ich bin leider für immer / für immer nur Fan von dir“ lautet der Refrain. Das Lied ist musikalisch, für Kraftklub untypisch, entspannt gehalten und wird live eher die Feuerzeuge als wilde Circle-Pits heraufbeschwören.

„Hausverbot (Chrom & Schwarz)“ behandelt Jugendsünden, wilde Party-Geschichten und „Hausverbot auf Lebenszeit“. Musikalisch wieder eindeutig tanzbar und mit sehr viel Schwung und guten Riffs.

Über „Dein Lied“ wurde bereits bei der Veröffentlichung viel geredet und kritisiert. „Du dumme Hure, das ist dein Lied“. Man hätte das mit Sicherheit auch anders formulieren können, jedoch muss man meiner Meinung nach wegen diesem einen Schimpfwort kein riesiges Fass aufmachen. Man sollte sich bewusst machen, dass sich Felix in einer fiktiven Geschichte als lyrisches Ich bewegt. Musikalisch ist das Lied mit orchestraler Begleitung sehr ungewohnt und fällt aus dem Rahmen des gesamten Albums.

„Sklave“ beschreibt überspitzt die Arbeitnehmermoral Leistungsgesellschaft in gewohnt kritischer Art und Weise. „Ich sage JA und meine Nein / Lass mich dein Sklave sein“. Tanzbare Beats und ein antreibendes Synthi-Feuerwerk zum Start untermalen den textlichen Witz des Tracks sehr gut.

In „Venus“ wird die gegenwärtige (Deutsch-)Rap Kultur und Selbstdarstellungszwang auf bewusst überhebliche Art und Weise auf den Arm genommen und eindrücklich gesagt dass Kraftklub auf der „Suche nach Streit“ ist und „wieder Grenzen überschreitet“. Typisch Kraftklub; tanzbar!

„Hallo Nacht“ beginnt mit einem fetten, groovigen Gitarren-Riff und behandelt textlich die Liebe zur Nacht(-leben) und unter anderem den Konflikt zwischen Nachts feiern und tagsüber arbeiten. „Ich brauch keinen Schlaf / der Kaffee ist stark / die Nacht ist der schönste Tag“ wird im Refrain skandiert.

„Über einer gottverdammten Kneipe ohne Rauch / Und Sahne ohne Fett / Bier ohne Alkohol und digitaler Sex“, so startet der letzte Song des Albums „Liebe Zu Dritt“, eine Kritik am hiesigen Spießbürger-/Hipstertum, welche auch in vergangenen Alben schon das ein oder andere Mal zur Geltung gekommen ist.

Kraftklub ist eben Gott sei Dank doch noch nicht ganz erwachsen und das ist auch gut so!

ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
Gesamteindruck
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Tobi Höffner
Der Mann vor der Kamera. Seit 2014 bei den Festivals dabei. Wählt den Newcomer des Monats und ist für den Mammuth Contest zuständig.