Die japanische Kunst des Kintsugi (dt. „Goldverbindung“) beschreibt das Reparieren zerbrochener Keramikstücke. Dabei werden die einzelnen Scherben mit vergoldetem Lack zu ihrer einstigen Form zusammen geklebt. Der Gegenstand ist wieder komplett, allerdings sichtbar sind die Spuren des Bruchs. Nothing But Thieves veröffentlichten im September 2017 ihr zweites Album Broken Machine. Das Artwork des Albums ist an eben jene beschriebene Technik angelehnt. Wenig geschieht ohne Grund und auch dieser Fall ist keine Ausnahme. Fast an dem Erfolg des Debut-Albums zerbrochen, im Kampf mit psychischen Problemen, dann zusammengekittet von Familie und Freunden, präsentiert die Gruppe das zweite Album. Inhalt, Entstehungsgeschichte und Erscheinungsbild ergeben einen in sich geschlossenen Kreis. Thematisiert werden die Brüche sowie deren Heilung in Gesellschaft, Politik und Liebe. Auch München wurde mit einem Besuch der fünf Jungs beehrt, um erstmals live den Klängen des neuen Albums zu lauschen.

Die fünf Jungs spielen Rock. Was auf den Aufnahmen gelegentlich in den Hintergrund rücken mag, ist auf der Bühne nicht zu überhören. Conor Mason besitzt eine weiche, kräftige Stimme und vermag sie vielseitig einzusetzen. Leider scheint er manchmal den Kampf gegen das Schlagzeug, gespielt von James Price, zu verlieren, das den kompletten Abend sehr präsent ist. Das Quintett wird komplementiert von Joe Langridge-Brown (Gitarre), Dominic Craik (Gitarre) und Philip Blake (Bass).

Die Band liefert ein solides Spiel, 90 Minuten lang begeistern sie das Publikum im ausverkauften Technikum. Sie zeigen die Vielseitigkeit ihrer beiden Alben: verschiedene Stimmungen und Tempi spiegeln sich in ihrer ausgeglichenen Liedauswahl wieder. Dennoch blitzt das Fundament der Rockgruppe stetig und deutlich hervor. Im Kontrast dazu steht das Bewegungspensum der Jungs. Sie wirken sehr statisch auf der Bühne, in sich selbst versunken, allen voran Frontmann Mason. Rar sind die Momente, in denen etwaig getanzt wird. Lieber fordert Mason das Publikum dazu auf. Trotzdem merkt man, wie im Laufe des Konzerts die Anspannung abfällt und einer lässigen Unbefangenheit weicht.

Als klares Highlight des Abends sticht Masons Akustik-Cover von Free Fallin‘ heraus, für das er sich Murray MacLeod, Sänger der Vorband The Xcerts, auf die Bühne holt. Die beiden schaffen es, einen besonderen Moment aus vokaler Emotion an diesem Abend zu kreieren. Ebenso folgt anschließend Hell Yeah als Akustikversion, bevor das Schlagzeug das Publikum wieder mit voller Wucht an die eigene Existenz erinnert. Moshpit trifft auf regungslose Zuhörer, harte Grooves stehen in Konfrontation mit weichen vokalen Klängen: Die eineinhalb Stunden sind geprägt von Ausschlägen in verschiedene Extreme.

Das Publikum reagiert begeistert und mit tosendem Applaus auf jede Einzelheit. Bereits während der Support Acts herrschte volles Haus, AIRWAYS und The Xcerts bereiteten die Menge nacheinander mit rockigen Klängen auf den Hauptact des Abends vor. Im Gegensatz zu deren ausgiebigen Kommunikation mit den Zuhörern brauchen Nothing But Thieves eine lange Einspielzeit, bis sie mit dem Publikum interagieren. Mason fungiert dabei als Sprachrohr der Band, er scheint etwas isoliert im Vordergrund. Die Besucher wirken davon unbeeindruckt. Von der ersten bis zur letzten Minuten singen, jubeln und wippen sie euphorisch. Auch nachdem der letzte Ton verklungen ist, hält der Beifall noch lange an.

Nur eine von vielen Shows ist vorbei. Den Rest des Jahres werden die Jungs in Australien verbringen, bevor sie im neuen Jahr den Rest der Welt in Angriff nehmen. Wer die Gruppe verpasst hat, hat jedoch im neuen Jahr noch ein paar Chancen: Am 28. Januar geben sie sich im Hamburger Mojo Club die Ehre, dem Werk 2 in Leipzig statten sie am 31. Januar einen Besuch ab und im PPC Graz sind sie am 1. Februar zu Gast.

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Hannah Geistbeck
Die schönen Künste ziehen sich als roter Faden durch mein Leben. Ich genieße Musik gerne mit allen Sinnen und neben schönen Klängen packen mich vor allem durchdachte, ausgefeilte Inhalte. Getextet habe ich schon bevor ich schreiben konnte. Dies gepaart mit meiner Liebe zur Musik hoffe ich nun unterstützend in die Musikszene einbringen zu können.