Im Mai 2016 veröffentlichte das Zeit-Magazin eine Deutschlandkarte „mit den beliebtesten Liedern über Großstädte auf Spotify.“ Ganz klar auf dem ersten Platz lag RY X mit Berlin, mit einigem Abstand dahinter Kraftklubs Karl-Marx-Stadt. Mit 72.000 Aufrufen seit Veröffentlichung (Stand März 2016) war Telemans Düsseldorf vertreten. „Er erschien im Februar [2016] und wurde schon über 70.000-mal angehört. Vielleicht wird Düsseldorf ja noch das neue Berlin“, hoffte Friederike Milbradt. (Noch) hat sich diese Überlegung nicht bewahrheitet (Berlin führt mit 82.023.309 gegenüber Düsseldorf mit 2.447.193 (Stand November 2018)), dennoch schien der Song den Briten einen gehörigen Schubs nach oben auf der Beliebtheitsskala zu bescheren. Im Zuge ihrer Europatour erwiesen sie auch dem Hamburger Publikum im Molotow die Ehre.

Family of Aliens wurde das jüngste Album der Kombo getauft, und ganz in diesem Sinne tauchen Johnny Sanders (Synthesizer) und Pete Cattermoul (Bass) im silbernen Raumanzug auf, stilecht mit Teleman-Logo auf der Brust. Thomas Sanders (Gesang, Gitarre) gibt sich hamburgerisch in einem mit Ankern bestickten Hemd. Hiro Amamiya (Schlagzeug) komplettiert das Gespann im gelben Anzug, leider meist versteckt in einer Wolke aus Nebel.

Unterstützt wird die Gruppe von Nights Out, eine ukrainisch-spanische Indie-Pop-Zusammensetzung mit erst kürzlich nach Flensburg verlagerter Homebase. Über deren vom Schlagzeug vorgegebenen flotten Rhythmen schwebt feinsinniger doch von innen angetriebener Gesang. Erst gegen Ende reißt sich das Quartett aus der Melancholie, der Sound wird direkter und lädt zum Tanzen ein. Das Tanzen haben auch beide Bassisten des Abends gemeinsam: der Fluch des im Schatten Stehens wird an diesem Abend gebrochen, sowohl Cattermoul als auch Fernando sind die jeweils präsentesten Personen der Stunde.

Erst unlängst im September das letzte Album veröffentlicht, gibt Teleman einen Großteil der darauf erschienen Songs zum Besten. Das DIY Magazine schlägt von diesem Platte eine Brücke zu Daft Punks Random Access Memories und hat damit nicht Unrecht: diese neueste Veröffentlichung ist definitiv elektronischer als ihre Vorgänger. Bei der Live-Show prägt sich das in langen Instrumentalteilen aus, die Jungs geben sich vielseitig und liefern keine reine Kopie der Aufnahme sondern bieten lebendige Musik dar. Wir werden also mitgenommen auf eine spannende Reise durch die unterschiedlichen Sounds, welche Teleman sich im Laufe ihres musikalischen Werdegangs erarbeitet haben.

Johnny Sanders leitet mit wenigen Worten durch den Abend. Ausgenommen Cattermouls, der sich etwas mehr extrovertiert gibt, versinkt die Band in ernsthafter Kontemplation. Dessen sind die Jungs sich bewusst, so erläuterten sie doch kürzlich im Oktober diesen Jahres gegenüber dem FMS Magazines die Schwierigkeit, die Wünsche des Publikums zu erfassen und –füllen und gleichzeitig aber den eigenen Anforderungen als Musiker nachzukommen:

“What do people want to hear? Are we going to upset our fans if we don’t play like that? You’re going to make yourself unhappy if you pander to what you think people want. So you’ve got to do what you want to do.”

Diese Darlegung spiegelte sich deutlich in dem Abend wieder; Teleman spielt sich nicht als Entertainer des Abends auf sondern wendet sich an das Ideal eines musikmündigen Publikums, das Ernsthaftigkeit zu schätzen weiß. Die Wirklichkeit entspricht jedoch selten dem Ideal. Die Zuhörerschaft scheint den Musikern zwar geneigt, gleichwohl misst man den Enthusiasmus, den die Konzertgäste bei derartiger Musik packen könnte.

Die Band gibt sich vergleichsweise statisch auf der Bühne, es erfolgt wenig sichtbare Interaktion. Die unsichtbare Barriere zwischen Bühne und Publikum durchbricht Thomas Sanders gleich zweimal und begeistert mit Kunstfertigkeit auf Augenhöhe. Wirklich in Wallung gebracht wird die Menge jedoch erst, als die Rufe nach Düsseldorf Gehör finden. Ein zu Recht beliebter Song, jedoch hätten weitaus mehr Stücke an diesem Abend den Sprung aus verhaltener Gedämpftheit zu expressiver Begeisterung schaffen können.

Sympathiepunkte heimsen die Jungs ein, als sie keine zehn Sekunden nach Abgang wieder auf die Bühne stürmen und den Besuchern, ohne bestätigungsheischend den Beifall ins Unerträgliche auszureizen, eine Zugabe gewähren. Nach 70 Minuten verlässt die Gruppe, nach einer auf das Elementare heruntergebrochenen Darbietung, vollends die Bühne. Ihr geringes Aufheben lässt die Musiker unverfälscht wirken, die Musik ehrlich und profund. Ein wenig mehr Show hätte dem Abend jedoch keinen Abbruch getan.

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Hannah Geistbeck
Die schönen Künste ziehen sich als roter Faden durch mein Leben. Ich genieße Musik gerne mit allen Sinnen und neben schönen Klängen packen mich vor allem durchdachte, ausgefeilte Inhalte. Getextet habe ich schon bevor ich schreiben konnte. Dies gepaart mit meiner Liebe zur Musik hoffe ich nun unterstützend in die Musikszene einbringen zu können.